Tobias Hülswitt
Erzählen 2.000
Seminar (3./4.7. und 17./18.7.2008)


Laut Aristoteles sind Erzählungen dann gelungen, wenn sie eine geschlossene Handlung mit Anfang, Mitte und Ende aufweisen, und bereiten Vergnügen, weil sie in ihrer 'Einheit und Ganzheit einem Lebewesen vergleichbar' sind. Dieser Ansatz impliziert eine Reihe hinterfragbarer Definitionen – des Vergnügens, des Lebewesens und der gelungenen Narration. Besitzen Lebewesen Anfang, Mitte und Ende? Wo fangen sie an, wo hören sie auf? Wo fangen wir an, wo hören wir auf? Läuft die Zeit immer ab? Sind Lebewesen geschlossene Einheiten? Ahmen 'Handlung' und 'Spannung' biologische Gegebenheiten nach oder sind sie narrative Konzepte, die wir im Leben nachzuahmen versuchen?

Nicht erst seit der Ankunft des Computers existiert neben der aristotelischen Narration eine Kultur beweglicheren Erzählens, das sich von offeneren, mehr an Netzen als an Strängen orientierten Welt- und Wesensmodellen inspirieren lässt. Die Teilnehmer des Seminars Erzählen 2.000 sind eingeladen, eigene Wege und Prinzipien zu finden, die Welt darzustellen, ohne den Verführungen von Plot und Story zu erliegen.

Bevor wir mit unserer eigenen Produktion beginnen, wollen wir im ersten Blockseminar zusammen einiges lesen, anschauen und durchdenken: Passagen aus der Poetik des Aristoteles; Florian Thalhofers nonlineares, computerbasiertes Erzähltool namens [korsakow system] anhand einiger Korsakowfilme (z.B. kleinewelt.com); einen Ausschnitt aus dem Flim 'Schindlers Häuser' von Heinz Emigholz; einen kleinen Text des Physikers Ernst Mach; Clemens Koglers kurzen Film 'Le Grand Content' und andere Beispiele von Narration im Internet; Todd Haynes 'I'm not there'; eine Erzählung von Zygmunt Haupt; ein Gespräch mit dem Erfinder und Zukunftsforscher Ray Kurzweil, Andreas Neumeisters 'Angela Davis löscht ihre Website' und anderes mehr.

Das erste Blockseminar (10./11.7.) wird aus zwei Tagen Input und gemeinsamem Denken bestehen. Am Ende dieser beiden Tage skizzieren die Teilnehmer Entwürfe der Strukturen eigener Narrationen.
Im zweiten Blockseminar (24./25.7.) stellen die Teilnehmer ihre fertigen oder begonnenen Narrationen – Texte, Filme, Korsakowfilme, Animationen oder welches Medium auch immer gewählt wurde – vor. Der dazwischen liegende Prozess wird von Tobias Hülswitt beratend begleitet.

Tobias Hülswitt, geb. 1973, studierte nach einer Steinmetzlehre Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er veröffentlichte drei Romane bei Kiepenheuer & Witsch und ein Kinderbuch. Er war u.a. Dozent für Interaktive Narration an der Universität der Künste Berlin. In der Spielzeit 2008/09 läuft seine und Florian Thalhofers Veranstaltungsreihe Hilfe, Freiheit! an den Münchner Kammerspielen.

Bitte nehmen Sie schon vor dem Seminar Kontakt auf: tobiashuelswitt@pb-king.com